Der Herbst ist die Jahreszeit, in der die Natur die Seite umblättert.

Herbst. Eigentlich habe ich noch nie darüber nachgedacht, warum die Bezeichnungen für die vier einzelnen Jahreszeiten so eine Bedeutungswucht haben.

Frühling – was für ein Bild! Farben, Klänge, Düfte – alles ist in diesem Wort enthalten, alles Versprechungen, Wünsche, Prophezeiungen.

Sommer: Wärme – ja Hitze geradezu. Strahlende Sonne – blauer Himmel, bunte Blütenpracht, Leichtigkeit, Sommerfrische, Sommergäste, Sommerlust!

Herbst – Wenn Frühling und Sommer eine Serenade in Dur sind– so kommt der Herbst in melancholischem Moll daher. Herbst – Vergänglichkeit, Tod, Melancholie, Trauer — aber auch goldener Herbst – Indian Summer, Reife, Ernte, Fülle!

Und dann der Winter – Klirrender Frost – Den haben wir ja schon lange nicht mehr. Der Klimawandel hat den Winter abgeschafft. Den vier Jahreszeiten fehlt der Schlusspunkt. Die eiserne Faust von Väterchen Frost – es gibt sie nicht mehr. 

Eines meiner Lieblingslieder als Grundschüler – damals hieß es noch Volksschüler, war: „Der Winter ist ein rechter Mann, kernfest und auf die Dauer. Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an und scheut nicht süß noch sauer …“ Ich erinnere mich noch genau daran – ich sollte es auswendig lernen, dieses seltsame Gedicht von Matthias Claudius – und tat es mit Begeisterung! Ein wirklich verrücktes und ziemlich langes Gedicht – und wenn ich am Schlusssatz angekommen war ->> „Und seh’n ihn an und frieren“, ja, dann verstand ich plötzlich das ganze Gedicht –

Frieren – das ist es, was uns jetzt bevorsteht – die nächsten vier Monate. Auch wenn es keinen „kernfesten“Winter mehr gibt, kalt und hässlich wird es allemal. Und melancholisch werden die Menschen auch, trotz der prachtvollen Herbstfärbung der Bäume und Sträucher –besonders zu Coronazeiten –  So viel Schönheit im Sterben – das kann nur die Natur, da stehen wir Menschen immer am Rand und schauen sehnsüchtig zu. Aber stirbt sie wirklich, die Natur? Nein, sie hält nur Winterschlaf, sie zieht sich zurück—der Gärtner sagt: sie zieht ein – oder stirbt ab. 

Für mich als Gärtner ist die Vergänglichkeit, also das Absterben der Blätter, Blüten, Halme etc ein eher produktiver Vorgang – ein Versprechen – Ich weiß, dass die Pflanze im nächsten Jahr größer und schöner wiederkommt.

Soviel zur Vergänglichkeit.

Frieren ist etwas, was ich abgrundtief hasse. Was hilft dagegen? Arbeiten. Umgraben wärmt am besten. Umgraben, um Giersch-, Astern- oder andere Wurzelwucherer zu entfernen macht so richtig warm – Umgraben, um Tulpen in Reihen im Küchengarten zu setzen. Umgraben, um Fenchel und Erdbeeren aus den Spargelbeeten zu entfernen wo sie sich unbotmäßig ausgebreitet haben. Umgraben, um Stauden oder Sträucher „zwischenzulagern“ weil die Beete noch nicht bereitet sind.

Der Herbst ist die Jahreszeit, in der die Natur die Seite umblättert.© Pavel Kosorin (*1964), tschechischer Schriftsteller und Aphoristiker 

Das ist ein interessanter Gedanke. Was sehen wir auf der neuen Seite? Tod und Vergänglichkeit und das ´Immergleiche` –  oder Neuanfang? Ist es eine weiße unbeschriebene Seite oder steht da das ganze Programm für Winter, Frühling und Sommer?

In Coronazeiten ist da Beides. Tod und Vergänglichkeit –aber auch das weiße Blatt, das neue Ideen, neue Wege, neue Konzepte erlaubt.

Wir, die Ippenburger Gärtner, haben uns für das weiße Blatt entschieden. Wir gehen neue Wege. 2021 wird ein Jahr der Gärten. Dafür wird jetzt alles vorbereitet. Die Ippenburger Gärten sollen die Besucher begeistern. Sie sollen verlocken, einladen, glücklich machen. Und dafür wird jetzt gegraben. Die große Rabatte am Rand des Küchengartens wird eine Hommage an Christopher Lloyd, Great Dixter, England. Schon seit meinem Besuch in Great Dixter 2005, ein Jahr vor Christopher Lloyds Tod, träume ich davon ein Beet in seinem „Lush-Style“ anzulegen. Um meinen Traum zu verwirklichen, muss ich über 100m² mit der Grabeforke umgraben. Alle Wurzelunkräuter – und die Asternwurzeln müssen entfernt werden. Dabei wird mir warm. 

Und die „weiße Seite“ des Herbstes füllt sich vor meinen Augen mit den schönsten Farben von Canna, Dahlien, Rizinus, Kniphofia, Japanischem Reisbaum, – den ich gerade bestellt habe – und Polygonum amplexicaule ‚Atropurpureum‘ – Kerzen-Knöterich, von dem ich große Mengen habe, sowie Lychnis – „Brennende Liebe“, Tithonia und Crocosmia „Luzifer“ —etc.. Für die Frühlingsblüte werden Tulpen in großen Mengen gepflanzt – Tulpen direkt aus Amsterdam! 

„…. die Jahreszeit, in der die Natur die Seite umblättert“ – Das ist wunderbar! Auf den weißen Seiten des Jahresbuchs entstehen herrlich bunte Sommerbeete. Die Ippenburger Gärten werden immer vielfältiger, überraschender und schöner. Sie sollen die Besucher 2021 verzaubern! Das ist unser Ziel. Daran arbeiten wir. Und dabei wird uns warm! Und auch wenn der Winter „durchzieht“, stehen wir nicht „und seh’n ihn an und frieren“. Nein. Wir „arbeiten uns warm“ und freuen uns auf den Frühling 2021!

 

 

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