Der Schlossgarten

Schloß Ippenburg hat in seiner Geschichte nie einen wirklichen Schlossgarten gehabt. Es gab einen “Moment”, ein paar Jahre, Anfang des 18.Jahrhunderts, in denen Ippenburg eine Orangerie hatte, Zitrusbäume, die die Rasenfläche säumten, sowie ein Boskett im französischen Stil. Ende des 19.Jahrhunderts zeigen alte Photos ein paar Teppichbeete, der Mode folgend. Von  1920 bis 1960, zu Zeiten der Gräfin Vera, die eine leidenschaftliche Gärtnerin war, gab es eine  so genannte Mixed Border westlich der Rasenfläche und einen Steingarten.1976, als Viktoria nach Ippenburg kam, waren auch diese verschwunden. Sie begann sofort mit der Anlage zahlreicher Beete im Stil englischer Cottagegärten, mit dem Ziel, dem riesigen Schloss, das aus dem amorphen, endlosen Grün von Rasen, Sträuchern und Bäumen emporragte, etwas entgegenzusetzen.

Jetzt, im Jahr 2021, beginnt eine neue Zeit. Die Gärten spielen die Hauptrolle. Da versteht es sich von selbst, dass rund um das riesige neugotische Schloss, mit seinem skurrilen englischen Charme, endlich wieder ein richtiger Schloßgarten entsteht. Es ist kein romantischer Garten im Cottagegardenstil, den Cornelia Müller vom renommierten Büro Lützow 7 in Berlin auf Wunsch von Viktoria von dem Bussche entworfen hat – Nein, es ist ein Parterre im Stil der klassischen Moderne. Ganz neu für deutsche Schlossgärten.

 Mit ihrem Entwurf – nein, mit ihrem Wurf, ihrem ´Coup` – ist es Cornelia Müller gelungen, das Schloss mit dem südlich des Schlossgrabens liegendem Ausstellungsgelände zu verbinden, zu verklammern. Auch die Architektur dieses Geländes, das früher Wiese und Brachland war, stammt von ihr. Sie hat die Anlage, die sich über hunderte Meter neuer Gräften und Stichkanäle auf über 30.000qm erstreckt und von einer Insel, einem „Bellevue“ am südlichsten Punkt gekrönt wird, 1999 für den internationalen Wettbewerb der Gartenkunst entworfen.

„Klassik mit Punk“ –  Ein Stil, der, wie so oft, aus England kommt. Er hat sich aus der Überbetonung des naturnahen Stils des späten 20. Jahrhunderts und der Rückbesinnung auf die klaren Formen des Barock, sowie des Minimalismus des Bauhaus entwickelt. Geometrische Ordnung gepaart mit “profusion” wie es der große Gartenrevolutionär William Robinson Ende des 19. Jahrhunderts forderte. Profusion, das ist Fülle, Überfülle. Ungefüllte Strauchrosen in leuchtenden Farben, wallende, “schäumende” Gräser, einzelne, sich hier und da wiederholende Strukturpflanzen, wie Artischocke oder Karde, Yucca, Blutbuchenwürfel und Berberitzenquader.

Eine erste Skizze, die Cornelia Müller für die Neugestaltung des Südparterres entwarf.

Das Südparterre am Anfang der Neugestaltung 2021.

Cornelia Müller kennt in Ippenburg jeden Strauch. Und sie ist vertraut mit dem Geheimnis von Ippenburg, seiner Melodie, seinem Rhythmus. So wie es der großartige englische Designer David Hicks häufig machte, zeichnete sie einfach eine Skizze in ein Photo – und traf sofort ins Schwarze.  Und noch etwas ist großartig an der Arbeit von und mit Cornelia Müller – die Umsetzung geschieht in Etappen. Im Herbst wird die in der Skizze eingezeichnete Treppe folgen, die den Höhenunterschied des Parterres auffangen und betonen soll. Auch die visuelle Verbindung des Parterres mit der gegenüberliegenden Seite durch kleine Akzente, wird im Herbst geschehen, nach direkter Betrachtung des neuen Parterres in „Full Bloom“.

Schloß Ippenburg von der Westseite.Die gigantische Größe des Schlosses wir aus der Perspektive besonders deutlich. Das Beet davor ist eines der formalen Beete die das Schloss umgeben. Weiße Strauchpäonien, Lilien und violette Rosen unterstreichen  die Eleganz des Beetes.

»Der Gebildete treibt die Genauigkeit nicht weiter, als es der Natur der Sache entspricht.«

Aristoteles