Die Ippenburger Gärten sind an allen Sonntagen bis zum 29.8 von 11:00 – 18:00 Uhr geöffnet.

Wildnis

Wildnis wagen! 

Vier Jahre ist es jetzt her. Da ging ich mit Zollstock und Notizbuch in das Heckenlabyrinth, das über 15 Jahre lang Ort jährlich wechselnder Schaugärten gewesen war. 2017 waren keine Schaugärten geplant, das Areal war geschlossen.

Es war Mai und ich hatte einen Plan. Ich wollte tabula rasa machen. Nur die Bäume sollten stehen bleiben. Elegant sollte es werden, pittoresk, mit Schafen im Schatten großer Eichen und an grünen Ufern, wo sie sich im Schlossgraben spiegeln würden.

Als ich das Heckenlabyrinth mit forschem Schritt und Tatendrang betrat, hörte ich Vogelgezwitscher von einer Intensität und Vielstimmigkeit, wie ich es noch nie erlebt hatte. Ich blieb stehen und lauschte. Das Summen der Bienen, die um Dost und Disteln schwirrten, Libellen, die sich auf Ufersteinen sonnten, quakende Frösche, der Kuckuck, die Nachtigall….Fast schuldbewusst verstaute ich Zollstock und Maßband.

Aus der Traum vom eleganten Landschaftspark! Keine einzige Hecke würde ich wegnehmen, keinen Schilfrand entfernen. Ein neues Bild tauchte auf. „Wilderness“. Thoreau, der den Begriff prägte, hatte mich schon immer fasziniert. Landschaftspark contra Wildnis! – Ich wollte es wagen! Ich ahnte, dass es nicht einfach werden würde, meine Entscheidung den Ippenburger Besuchern nahezubringen, die seit Jahrzehnten gewöhnt waren, in diesem Areal klassische oder auch avantgardistische Schaugärten zu bestaunen. Ich erntete entsetzte Kommentare. „Alles verwahrlost, ungepflegt, eine Schande, diese verwilderten Gärten“ usw.

Der Wildwuchs, der mich glücklich machte, war für viele ein Störfaktor. Sie sahen nur Disteln, Brennnesseln und Unordnung. Sie wünschten sich die geordneten, jährlich wechselnden Themengärten zurück, hübsch portioniert, verständlich, amüsant – zum „Genuss im Vorbeigehen“ geeignet. Bestärkt in meinem Entschluss durch das im Juli 2017 veröffentlichte Gutachten über das Insektensterben, widmete ich mich meinem neuen Zukunftsprojekt mit voller Kraft und beschloss, es zu einem wichtigen Teil der Ippenburger Gartenausstellung zu machen. Schon im ersten Jahr pflanzte ich tausende Bäume und Sträucher, errichtete Stein- und Totholzhaufen, baute Insektenhotels – ja ein ganzes Insektenresort! 2019 kam eine Wildbienenmauer dazu, da das „Insektenresort“ bereits „überfüllt“ war. In diesem Jahr entsteht ein Insektenhotel in einer Palettenwand. So wird es weitergehen, von Jahr zu Jahr. Ich arbeite an meinem Paradies für Singvögel, Insekten, Amphibien – und Menschen!

Diese Gelbwangen-Schmuckschildkröte lebt schon Ewigkeiten in Ippenburg. Wer sie hier wohl ausgesetzt hat? Sie liebt die sonnigen Ufer der Wildnis- und Wasserlandschaft.

Der Eingang in das „Schmetterlingstal“. Es hat seinen Namen von den Buddleiasträuchern, die rechts und links des Weges wachsen. Vorn sieht man die schönen Strauchkastanien.

Die Wildnis soll glücklich machen, das ist mein Ziel. Sie soll die Menschen inspirieren, ihre Umgebung mit anderen Augen zu sehen. Sie soll Mensch und Tier ´glücklich machen`. Das geschieht einerseits dadurch, dass Vorhandenes einfach wachsen darf und große Mengen von Obststräuchern, Rosen, Blumenwiesen, Insektenwänden und Bienenmauern gepflanzt und gebaut wurden. Zahlreiche  Insektenhotels – nein ein richtiges „Insektenresort“ –  ist dabei entstanden. Für die Besucher wurden vielfältige Möglichkeiten geschaffen, die Wildnis zu erleben. Wichtig für das Erlebnis ist, das dieses in Ruhe geschehen kann. Dazu dienen die überall verteilten Bänke und Liegen.

Ein weiterer Aspekt ist das Schaukeln. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass gerade Erwachsene das sanfte Hin und Her als wohltuend empfinden. Schaukeln macht glücklich – nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Mit Unterstützung von westenergy werden in diesem Jahr zahlreiche Erwachsenenschaukeln aufgestellt – u.a. eine wunderschöne “Himmelschaukel im Gräsermeer”.   

Ich liebe „meine“ Wildnis. Ich möchte mit ihr den Anstoß geben, Wildnis zu ´wagen`. In vollem Vertrauen auf die Kraft und das Potential der Pflanze.

Der Bienenschaukasten in der Wildnis. Hier kann man durch Glasscheiben ins Innere schauen und sehen, wie die Bienen ihre Waben füllen und den köstlichen Ippenburger Honig produzieren.

» Die ganze Natur ist eine Melodie, in der eine tiefe Harmonie verborgen ist.«

Johann Wolfgang Goethe