Die Ippenburger Gärten sind 2023 an allen Sonn- und Feiertagen vom 1.5. bis zum 13.8 von 11:00 – 18:00 Uhr geöffnet.


Lasst uns über Blumen sprechen…

Wo Blumen blühen, lächelt die Welt. – Ralph Waldo Emerson

Das Jahr 2022 ist zu Ende. Mein Sprüchekalender stand in diesem Jahr unter dem Motto: Das Leben ist schön! Jetzt gleicht er einem Gerippe oder besser gesagt, einem blattlosen Baum.

Einige Sprüche habe ich aufgehoben. 

Ich reiße die Blätter nicht täglich ab, fast nie, manchmal zwei, drei auf einmal, manchmal gleich einen ganzen Monat. Dabei schaue ich mir die Sprüche an und sortiere sie. Sprüche, die ich allzu banal finde zerknülle ich und werfe sie weg.

So auch bei diesem. Während ich ihn zerknüllte, hielt ich plötzlich inne.

„Wo Blumen blühen, lächelt die Welt.“ Daran ist nichts banal. Dieser Spruch ist geradezu ikonisch. So durchfuhr es mich und ich plante, einen Blog zu schreiben.

Das war im Juli. Am 4. Juli, genau gesagt, am „Independence Day“ der USA.

Draußen brannte die Sonne vom Himmel. Die Blumen blühten. 

So ging es weiter. Juli, August, September — und immer noch kein Blog. Aber Tausende Blumen draußen, in den Gärten. Und Abertausende Staudensämlinge für die Saison 2023, ausgesät im Juni, in Reihen gepflanzt im August und auf Rosarium, Remisenbeete und Südparterre verteilt im September/Oktober. Meine Leidenschaft für Blumen wächst mit jeder neuen Blüte. Ich sehe die Blumenpracht des kommenden Jahres vor meinem inneren Auge – es ist eine Lust, ein Vergnügen.

Der erste Gedanke für den Blog, damals, am 4.Juli, war eine Tirade gegen die Schottergärten. Und nicht nur gegen die Schottergärten, nein, auch gegen seine Vorläufer, die immergrünen, dauergrünen, mit der Nagelschere geputzten, gestutzten, heillosen Ödnisse.

Ein Zitat aus Japan, das mir zwischendurch in die Hände fiel, schrieb ich auf die Rückseite meines Kalenderblattes.   

„Kinder hab` ich satt“. Einer, der so redet, hat auch keine Blumen.  

Es passte irgendwie dazu. 

Wenn ich durch die Dörfer und Kleinstädte fahre, sehe ich in den Vorgärten fast keine Blumen. Alles ist grün, oder eben schottergrau. Kein inspirierender Spielort für Kinder, eine Nahrungswüste für Insekten und Vögel.

Das war´s schon zum Thema Schottergärten. Es gibt andere, wichtigere Begebenheiten in diesem Jahr, die mit blühenden Blumen zu tun haben.

Mitte März in Kiew zum Beispiel. Frauen, Männer und Kinder legten auf dem Sophienplatz 1,5 Millionen Tulpen in Form des Landeswappens nieder. Sie wollten den Frühlingsanfang feiern – trotz der Panzer- und Artilleriegeschosse. Nach der Aktion verteilten sie die Tulpen in den Krankenhäusern der Stadt. 

Und im Iran! Am 8. März 2019, dem Internationalen Frauentag, protestierte Yasaman Aryani auf poetische Weise gegen den gesetzlichen Kopftuchzwang in Iran. Mit unbedeckten Haaren verteilte die 24-Jährige zusammen mit ihrer Mutter Monireh Arabshahi Blumen an die weiblichen Fahrgäste einer Teheraner U-Bahn. Ein Video der Aktion zeigt, wie sie einer Frau mit Kopftuch eine Blume gibt und sagt, sie hoffe, eines Tages mit ihr durch die Straßen gehen zu können, „ich ohne Kopftuch und du mit“.Am 31. Juli 2019 verurteilte ein Gericht Yasaman Aryani und ihre Mutter zu 16 Jahren Gefängnis – nur, weil sie dafür kämpfen, dass Frauen selbst entscheiden dürfen, wie sie sich kleiden. Das war 2019! – Der Mut und die Kraft dieser Frauen ist unbeschreibbar.

Blumen geben Kraft. Sie sind das große „Dennoch“! 

Ich stelle immer Tulpensträuße unter den Weihnachtsbaum. Ein bisschen Frühling im Winter. Die Tulpen wachsen in der Vase weiter und schieben ihre allmählich vertrocknenden Stiele und Blütenblätter durch die Tannenzweige. In diesem Jahr werde ich beim Anblick der Tulpen weniger an den Frühling in Ippenburg, als an den Winter in Kiew, in der ganzen Ukraine, denken. 

Brecht schrieb in seinem Gedicht » AN DIE NACHGEBORENEN:

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

 „Wo Blumen blühen, lächelt die Welt“ – ein ikonischer Satz. 

Fast hätte ich ihn fortgeworfen, weil mir Brechts Warn- und Mahnworte so sehr in den Ohren klangen, sein „ der Lachende hat die furchtbare Nachricht nur noch nicht empfangen…“ und das „Schweigen über so viele Untaten“.

Lasst uns über Blumen sprechen! Gerade jetzt!

Auf den Tausenden und Abertausenden Ippenburger Blumen liegt jetzt der Winter. Ich freue mich auf diese ganze Sommerpracht und hoffe, dass die Ukrainischen Frauen, Männer und Kinder auch im nächsten Frühling wieder 1,5 Millionen Tulpen in Landesfarben auslegen. Vielleicht sogar um den Frieden zu feiern? Und dass der Ruf  „Jin, Jîyan, Azadî“, auf Deutsch „Frau, Leben, Freiheit“ der mutigen iranischen Frauen und Männer endlich Gehör findet!

Hoffen müssen wir.  

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