„Il faut cultiver notre jardin“

Das Grundgefühl ist Stillstand. Pause. Atem anhalten. Ruhe und Unruhe zugleich.  Nach ein paar Wochen fahren auf Sicht mit „Schleifkupplung“, nun die Vollbremsung!

Wie geht es weiter? 

Die Natur geht ihren Weg. Unbeeindruckt. 

Der Frühling kommt mit Macht. Ihn hält niemand auf! Kartoffeln und Zwiebeln können schon gepflanzt werden, Möhren können ausgesät werden.

Tomaten, Gurken und Auberginen werden im Glashaus vorgezogen.

Dort wird es eng. Tausende Sommerblumenwinzlinge warten darauf, ins Freie zu kommen. – Sie wurden vor 10 Tagen angeliefert. Aus Saat vorgezogen in einer Gärtnerei, für die  Slow-Flower.- Beete und für das Rosarium.

Das Saatgut, ca 300 Samentütchen und nicht weniger als 20 Kartoffelsorten liegen bereit. 

Nie war der Frühling so vielversprechend und schön wie in diesem Jahr – so scheint es.

Trotzdem. Irgendetwas klemmt. Der Schock sitzt. Zweifel. Furcht. Zaudern. Und Myriaden von Fragen. 

Was ist beste Mittel gegen das Gefühl der Schockstarre? Körperliche Arbeit. Sinnvolle, kreative körperliche Arbeit. 

Also: Ab in den Küchengarten. Umgraben, Quitten, Johannisbeeren und Rosen schneiden, Kräuter und Blumen, die sich durch Selbstaussaat über den ganzen Küchengarten verbreitet haben, in ein eigens dafür geschaffenes Revier umsetzen. 

Eine positive Seite der „Vollbremsung“ ist der Zeitgewinn. Alles geschieht in großer Ruhe und Konzentration. Es gilt nicht mehr der große Wurf, der einem Bataillon an Arbeitskräften zugerufen wird, denn dieses Bataillon befindet sich in Kurzarbeit. 

Der Garten wird nicht, wie üblich an einem Tag abgeräumt und gefräst und für die Neusaat vorbereitet – nein, es geht langsam, Quadratmeter für Quadratmeter, Stück für Stück. Das ist die Stunde des „Blackboxgardening“, einer Gartenmethode, die mich schon lange fasziniert. Am Abend hole ich das gleichnamige Buch, das ich schon vor ein paar Jahren kaufte, dessen „Zeit aber bis heute noch nicht gekommen“ war, aus dem Regal. Ich blättere ein wenig, lese aber nur ein paar Zeilen. Ich bin todmüde. Acht Stunden graben, hacken und schneiden fordern ihren Tribut. 

Durchaus befriedigt gehe ich am nächsten Tag wieder in den Küchengarten und grabe, hacke, schneide und pflanze. Und auch den übernächsten Tag. Jeden Tag. Eine herrliche Arbeit. Zweifel, Furcht und Zaudern sind verflogen. Handfestes, Bodenständiges, Nachhaltiges – voller Schönheit, Lust und Sinnlichkeit, das finde ich hier. Und – das ist das Schönste – schier grenzenlose Zeit. 

Während ich so grabe und schneide, denke ich nach über das Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit“, dass ich vor vielen Jahren mit Begeisterung las. 

Darin geht es um Entschleunigung und den Blick für das Wesentliche. Geduld, Genauigkeit, Beharrlichkeit und Konzentration sind dabei vorherrschende Eigenschaften. In der Ruhe liegt die Kraft –  sagt Konfuzius. Vielleicht liegt in der Einübung der Fähigkeit zur Entschleunigung ja die Chance dieser Krise?  Denn bekanntlich steckt ja in jeder Krise eine Chance. 

Und auch Voltaires Buch „Candide oder der Optimismus“ kommt mir in den Sinn und sein legendärer Aufruf: „Il faut cultiver notre jardin“!

Voltaire schrieb seinen Candide nach dem Erdbeben in Lissabon und den dadurch ausgelösten Tsunami. Diese Naturkatastrophe erschütterte damals die ganze Welt in ihren Grundfesten und verbreitete über „die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken“ (J.W.v. Goethe)

„In Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt“ – so könnte man auch unsere westliche Gesellschaft vor der Pandemie beschreiben. 

Bestellen wir also unseren Garten! 

Dass damit mehr gemeint ist, als das Grün ums Haus ist klar.

Es geht um`s sprichwörtliche „Große Ganze“!  

Und doch ist das Graben, Säen, Pflegen, Wässern, Schneiden, Ernten und Verzehren eine gute Ausgangsbasis für die Bewältigung des „Großen Ganzen“. 

Es muss kein riesiger Garten sein, wie hier in Ippenburg. Es reicht schon ein kleines Stückchen Land – Auch schon Balkon, Fensterbrett und Terrasse bieten viele Möglichkeiten.

Man könnte zum Beispiel ein Stück aus dem Rasen umgraben und dort Kräuter und Salat, ein paar Stangenbohnen und ein paar Kartoffeln setzen – 

Man könnte ein paar dauergrüne Sträucher durch Sommerblumen ersetzen, damit es lebendiger wird im Garten, und damit Bienen, Insekten und Vögel wiederkommen.

Und vielleicht verwandeln sich die Schottergärten jetzt wieder in blühende, duftende, essbare Paradiese? Das wäre doch schön – nicht nur für Bienen und Insekten. 

„Il faut cultiver notre jardin“ Auf geht’s!  

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