Wer war eigentlich Sophie Charlotte?

 

Sophie Charlotte war Preußens erste Königin und die erste "Philosophin auf dem Thron", schon lange, bevor ihr Enkel, der berühmte Friedrich der Große, das für sich in Anspruch nehmen konnte.

Vor genau 350 Jahren wurde sie 1668 auf Schloß Iburg im Stift Osnabrück geboren, zur Zeit als ihr Vater Fürstbischof von Osnabrück war.

Sie war die Tochter von Ernst August von Hannover und seiner Frau Sophie, geborene Kurprinzessin von der Pfalz, Tochter des sogenannten Winterkönigs Friedrich V. von der Pfalz und Elisabeth, aus dem Hause Stuart.

Sie war die einzige Tochter von 7 Kindern; schön, intelligent und, wie ihre Mutter äußerst sprachbegabt. Im Blütenalter von 7 Jahren spricht sie fließend englisch, französisch und italienisch und schon früh diskutiert sie über Religion, Gesellschaft und Politik. Ihre besondere Begabung liegt allerdings in der Musik und schon früh spielt sie herausragend Cembalo, komponiert kleine Musikstücke und studiert Ballett- und Opernaufführungen ein, in denen sie selbst mitspielt.

Bereits im Alter von 12 Jahren, nach ihrer Reise an den Hof des französischen Königs in Versailles, die ihre Heirat mit dem Sohn Ludwigs XIV. zum Ziel hatte, weiß Sophie Charlotte, dass eine geborene Prinzessin wie sie, ausschließlich der Erhaltung der Dynastie verpflichtet ist und dass die Auswahl des Ehemanns allein die Entscheidung ihrer Eltern ist, bei der Neigung oder Liebe keine Rolle spielen.

Als Sophie Charlotte schließlich 16jährig mit Friedrich III. Kurfürst von Brandenburg vor den Altar tritt, ist allen klar, dass es sich hier um ein politisches Projekt handelt, um einen "Deal", der ihrem Vater den Weg zur Kurfürstenwürde ebnen sollte.

Dennoch sollte diese Ehe, die durch den frühen Tod Sophie Charlottes im Februar 1705 jäh endete, eine der erfolgreichsten Verbindungen ihrer Zeit werden.

Von ihrem ehrgeizigen  Vater, der durch geschicktes Taktieren das Haus Hannover zu einem Kurfürstentum erhob, hatte Sophie Charlotte die Liebe zum Theater, zur Oper und zu rauschenden Festen und Maskenbällen geerbt.

Von ihrer Mutter, die sich ihres königlichen "Stuartblutes" wohl bewußt war und einen englischen, durchaus zynischen Humor besaß, verbunden mit den adeligen Tugenden der Disziplin, Contenance und Gelassenheit, erbte Sophie die Liebe zur Philosophie und Wissenschaft, zu religiöser Toleranz und geistiger Unabhängigkeit und die Freude an der Gartenkunst. Der Philosoph Leibniz, wichtigster Gesprächs - und Briefpartner ihrer Mutter, gehörte auch  zu dem engsten Kreis am Musenhof von Sophie Charlotte.

Die deutsche Geschichtsschreibung hat Sophie Charlotte zu Unrecht kaum erwähnt und sogar ihr preußischer Gatte, dem sie gerade 16jährig nach Berlin folgte, verschwindet oft zwischen seinem großen Vorgänger, dem Großen Kurfürsten, sowie seinen berühmten Nachfolgern, dem Soldatenkönig und Friedrich dem Großen.

Dabei waren es Sophie Charlotte und Friedrich, die Berlin zu dem legendären Spree-Athen machten, dessen Ausstrahlung noch heute spürbar ist und das die Grundlage bildete auf der Friedrich der Große später seinen "Philosophenthron" errichten konnte. 

Schon der Große Kurfürst, Friedrichs Vater, wusste, dass sich politische Macht auch in repräsentativer Kunst spiegeln musste und dass ein Herrscher, wollte er auf dem Europäischen Parkett mitspielen, neben dem Militär auch die Musik und Kunst beherrschen sollte.

Er sorgte dafür, dass auch sein Sohn Friedrich eine gründliche musikalische Ausbildung erhielt. Schon mit acht Jahren spielte Friedrich sehr gut Flöte und Klavichord, hatte eine gute Stimme und zeigte große Begabung in der Malerei und Kupferstecherei.

Friedrich und Sophie Charlotte setzten das Werk des Großen Kurfürsten fort. Nach seiner Krönung  zum König in Preußen, ließ er durch seinen großartigen Architekten Andreas Schlüter das Berliner Schloß erbauen, Sophie Charlotte schuf in Lietzenburg, das ihr Mann nach ihrem frühen Tod in Schloß Charlottenburg umbenannte, einen "Musenhof", an dem Kunst, Musik, Theater, Literatur und Wissenschaft erblühten. Dort versammelten sich berühmte Sänger und Komponisten, aber auch umstrittene Theologen wie John Toland, der von Pfarrern und Politikern als Atheist und Nestbeschmutzer verurteilt wurde und anerkannte Philosophen wie Gottfried Wilhelm Leibniz oder der Hugenotte Pierre Bayle. Sie förderte die Gründung der Akademie der Künste und erreichte es, dass Friedrich die Akademie der Wissenschaften gründete und Leibniz zum ersten Präsidenten ernannte.

Sophie Charlotte hatte keine Angst, sich in intellektuelle Streitgespräche auf höchstem Niveau einzumischen. Sie wurde von den beiden Gegenspielern Toland und Leibniz als Gesprächspartnerin ernst genommen. Toland nannte sie "eine republikanische Königin".

In der Welt des Geistes gab es für sie keine Standesschranken, da war sie Republikanerin. Und auch wenn sie als Preußische Königin in der hierarchischen Welt des  Barocks fest verwurzelt war, so hatte sie doch mit der Republik der Niederlande und der Republik Venedig, deren politische und gesellschaftliche Macht und Bedeutung  im 17. und frühen 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht hatte, zwei Erfolgsbeispiele für ein republikanisches System vor Augen.

Die Freiheit der Gedanken, die alle Denkverbote militanter Glaubenswächter und Gegner des frühaufklärerischen Geistes in ihre Schranken wies, breitete sich auch in der Residenzstadt an der Spree schnell aus, wo, wie Johann Toland schreibt, "man sicher sein kann, dass sich hier die klügsten Geister, die strahlendsten Schönheiten...zeigen".

Am Hof von Friedrich in Berlin und am Musenhof von Sophie Charlotte waren originelle Gäste mit neuen unorthodoxen Ideen willkommen - lange bevor der Enkel Friedrich der Große mit diesem Anspruch in die Geschichte eingegangen ist.

Kritiker sehen in Friedrich nur den verschwenderischen, selbstverliebten Barockfürsten, der sich für viel Geld den Königstitel erkaufte und sich dann auch noch selbst die Krone aufsetzte. Sie folgen da dem Urteil seines Enkels Friedrich, genannt Friedrich der Große, der kein gutes Haar an ihm ließ und ihm pure Eitelkeit unterstellte. Er habe sich den Schein der Macht zugelegt ohne einen wirklichen Machtzuwachs, sei ein eitler, prunksüchtiger Hohlkopf gewesen. Dieses Zerrbild wurde von Historikern bis ans Ende des 20. Jahrhunderts gepflegt.

Sie übersehen dabei, dass der Königstitel für ein so kleines Kurfürstentum, das Preußen zu der Zeit war, ein sehr weitsichtiger und kluger Schritt war.

Sophie Charlotte, die, wie ihre Mutter, sich ihrer königlichen Abstammung immer bewußt war und das Geschehen um die Krönung eher mit ironischer Distanz verfolgte, wußte die Vorteile des Status- und Machtzuwachses zu schätzen und war froh, dass "ihr König" die Blüte von Kunst, Philosophie und Wissenschaft an seinem Hof als Machtdemonstration verstand, ganz im Stil der barocken Herrscher seiner Zeit, allen voran Ludwig XIV. „Ihr König“ ließ ihr freie Hand, stattete sie mit reichlich Geld aus und nahm regen Anteil an ihren Musik- und Theateraufführungen.

Sophie Charlotte war eine intellektuelle, geistreiche und sehr selbstbewußte Frau. Ihre musische Begabung, sowie ihre Liebe zu großen, prachtvollen Festen, mit Theateraufführungen, die sie gemeinsam mit ihrer kongenialen Hofdame Henriette von Pöllnitz verfasste, gaben ihr die Kraft, manche Widrigkeiten und Sorgen zu ertragen, die ein Leben am Hof mit sich brachten.

Dort sah sie sich manch einer Intrige ausgesetzt, versuchte aber alles mit größtmöglicher Gelassenheit hinzunehmen.

Zwei Söhnen schenkte sie das Leben, aber nur einer, der Thronfolger Friedrich Wilhelm, der als "Soldatenkönig" in die Geschichte einging, überlebte. Drei ihrer Brüder verloren ihr Leben in den von ihr durchweg als unnötig und unvernünftig verurteilten Kriegen, Krankheit und Tod ihres Vaters erfüllte sie mit großer Trauer. Ihre große Sorge galt der Gesundheit und Erziehung des Thronfolgers, ihres einzigen Kindes. Sein Charakter war schwierig und sie versuchte ihn durch sorgsame Auswahl der Erzieher und durch mütterlichen Rat auf einen guten Weg zu bringen.

Sophie Charlottes Ausstrahlung, ihre Begeisterung für Musik und Philosophie, ihr streitbarer Intellekt und ihre geistige Unabhängigkeit verbanden sich kongenial mit der Schönheitsliebe und der barocken Macht- und Prachtentfaltung "ihres Königs" . Zusammen verliehen sie dem Berliner Hof europaweit die Bedeutung und den Glanz, der Preußen 200 Jahre erhalten blieb bis zu seinem Untergang. Ein Glanz, den wir heute, nachdem die Wunden, die die preußische Großmannssucht einst schlug , allmählich verheilen, wieder erkennen und bewundern können.

 

>>> Friedrich I. König in Preußen, Ehemann von Sophie Charlotte

>>> Sophie von Hannover, Mutter von Sophie Charlotte

>>> Ernst August von Hannover, Sophie Charlottes Vater

>>>Friedrich Wilhelm Kurfürst von Brandenburg,  Sophie Charlottes Schwiegervater

<<< zur Ausstellung "Auf den Spuren von Sophie Charlotte"

>>> zur Geschichte