Ernst August

von Hannover

 

Sophie Charlottes Vater 

Ernst August, Herzog von Braunschweig  - Lüneburg, Bischof von Osnabrück (1661 - 1698), 1692 Kurfürst von Hannover.

Ehemann von Sophie von der Pfalz, Tochter des "Winterkönigs" Friedrich V. von der Pfalz und der Elisabeth Stuart, Tochter des englischen Königs Jakob I.

Vater von König Georg I. von England und Königin Sophie Charlotte in Preußen.

Großvater von König Georg II. von England, Königin Sophie Dorothea in Preußen und deren Gatten Friedrich Wilhelm I. gen. der "Soldatenkönig".

Urgroßvater von Georg III. von England und Friedrich II., gen. Friedrich der Große.

Ernst August wurde am 20. November 1629 als jüngster Sohn von Herzog Georg aus dem welfischen Geschlecht Braunschweig -Lüneburg geboren. Er starb am 23. Januar 1698 in Hannover.

Die Welfen gehören zu den ältesten Adelsgeschlechtern Europas.

Im 8. Jahrhundert beherrschten sie große Gebiete in Burgund und Schwaben, im 11. Jahrhundert hatten sie ihre Macht  auf Teile Bayerns und Italiens ausgedehnt und im darauffolgenden Jahrhundert beherrschten sie Teile Sachsens. Die einzigen Gegenspieler im Kampf um die Vormachtstellung im Reich waren die Staufer, denen sie schließlich nach jahrelangen Kämpfen unterlagen. Die Staufer erhielten die Kaiserkrone, die Welfen fanden sich auf ihren verbliebenen Besitzungen in Norddeutschland wieder, wo 1235 das Herzogtum Braunschweig -Lüneburg entstand.

Da die Welfen, wie viele andere Fürstentümer der Zeit noch nicht das Erstgeburtsrecht, die Primogenitur, eingeführt hatten, zersplitterte das Welfenland immer mehr.

Ernst August hatte als jüngster von vier Söhnen keine Aussicht auf das Erbe eines Territoriums. Was ihm blieb, war die Aussicht auf das Bistum Osnabrück, das, nach Beschluß des Westfälischen Friedens abwechselnd mit einem katholischen und einem protestantischen Bischof besetzt werden sollte, wobei der protestantische jeweils ein welfischer Prinz sein sollte.

Wie war es möglich, dass Ernst August am Ende seines Lebens neben dem Brandenburger Kurfürsten, der eine ähnlich steile Karriere hinlegte, zum wichtigsten Fürsten in Norddeutschland wurde? Dass ihm die Aufnahme in das wichtige Kurkolleg gelang, das den Kaiser wählte, und dass er  -wenn auch posthum - zum Vater der ersten preußischen Königin und des Königs von England wurde?

Ernst August hatte einen unbeugsamen Machtwillen. Er war Taktierer und Kämpfer zugleich, und ließ sich auf seinem Weg nach oben, weder von politischen Widerständen, noch von privaten Konflikten aufhalten.

Staatsraison war das Mantra, dem die barocken Fürsten folgten und aus dem sie die Energie  schöpften für ihre kaum fassbaren Leistungen, die der Wiederaufbau nach den Verheerungen des 30jährigen Krieges forderte,  dem sie aber gleichzeitig alles unterwarfen, was sich ihnen in den Weg stellte.

Und da gab es einiges.

Als Ernst August auf dem Weg zur Kurfürstenwürde die Primogenitur einführte, stieß er vier seiner Söhne so vor den Kopf, dass einige sich verzweifelt in die Türkenkriege stürzten, andere wiederum versuchten gegen ihn eine Verschwörung anzuzetteln.

Seine hübsche, lebenslustige Schwiegertochter Sophie Dorothea, Tochter seines Bruders Georg Wilhelm von Celle, die ihn einst auf eine monatelange Lustreise nach Venedig begleitet hatte und deren Schönheit er rühmte, ging als traurige  "Prinzessin von Ahlden" in die Geschichte ein, nachdem sie eine Affäre mit Graf Königsmarck hatte. Königsmarck wurde ermordet. Sophie Dorothea zur Scheidung gezwungen und für über 30 Jahre nach Ahlden, bei Celle, verbannt. Sie durfte ihre Kinder, Georg II von England und Königin Sophie Dorothea in Preußen, Frau des "Soldatenkönigs"  und  Mutter von Friedrich dem Großen, nie wieder sehen!

Die Ehe seines ältesten Sohnes Georg Ludwig, späterer König Georg I von England, mit der Kusine 1. Grades war eine rein taktische, dynastische Entscheidung.

Sie sollte Hannover das Erbe des Celler Bruders Georg Wilhelm sichern, nachdem dieser, entgegen der Verabredung die die Brüder getroffen hatten, doch geheiratet hatte und Vater einer Tochter geworden war.

Diese Verabredung, die im Rahmen eines Brauttausches geschah, war auch einer von Ernst Augusts genialen Schachzügen. Georg  Wilhelm, Zweitältester der vier Braunschweiger Söhne, ein Lebemann, dessen Liebesleben sich eher durch Unbeständigkeit auszeichnete, hatte einst um die Hand von Sophie von der Pfalz angehalten, hatte es sich dann aber in Venedig anders überlegt und seinen jüngeren Bruder Ernst August gebeten, für ihn einzuspringen.

Im Gegenzug versprach er für immer auf eine Heirat zu verzichten, die Einkünfte des Bruders  beträchtlich zu vergrößern und ihm auch das Erbe von Celle zu sichern, weil er selbst keine Erben zeugen werde.

Sophie, eine gebildete, intellektuelle, geistreiche Frau wusste, dass sie mit 27 Jahren keine große Wahl mehr hatte und fand ihren neuen Gemahl durchaus „schön und liebenswert“, wie sie in ihren Memoiren schreibt.

Zu Beginn ihrer Ehe, die sie zunächst im Haus des Bruders in Hannover erlebten, bevor sie nach Iburg umzogen, war Sophie noch voll des Lobes über Ernst August und schrieb an ihren Bruder, Kurfürst Ludwig von der Pfalz, dass sie „das Wunder dieses Jahrhunderts" erlebe, nämlich   „ihren Ehemann zu lieben" . Wenig später schrieb sie ihrem Bruder  ernüchtert: „Das heilige Band der Ehe hatte den galanten Sinn des Herrn Herzogs nicht geändert; es langweilte ihn, immer eine und dieselbe Sache zu besitzen, und das zurückgezogene Leben war ihm lästig."

Schon kurz nach der Hochzeit stürzte Ernst August sich wieder in das lustvolle Leben Venedigs, mit rauschenden Festen, Opern und Tanz und - in sein schönstes Vergnügen - die Arme von Venedigs Kurtisanen.

Oft blieb Ernst August Monate in Venedig. Allerdings hatte er in Hannover eine sehr gut funktionierende Verwaltung aufgebaut, mit der er in ständigem Kontakt war.

Ernst Augusts Liebschaften in Venedig und an anderen Orten beunruhigten Sophie nicht. Es war  in der damaligen Zeit selbstverständlich, dass ein barocker Fürst Mätressen hatte; damit hatte man sich abzufinden. Die „Maitresse en titre", Klara Elisabeth von Meysenbug, die Ernst August sich 1671 zulegte und der Ordnung halber mit dem Grafen Platen verheiratete, der daraufhin eine steile Karriere hinlegte, empfand sie allerdings als bedrohlich, weil diese sie vom Hof und allem politischen Einfluss verdrängte und, wie ein französischer Gesandter treffend sagte:“den Herzog völlig " goubernieret (regierte)" .

Für Sophie, die gute Manieren und die Einhaltung der Etikette als non plus ultra ansah, muss  es eine Zumutung gewesen sein, diese ehrgeizige, prunksüchtige und vorlaute Person zu ertragen.

Ihr Standesbewußtsein - schließlich war sie die Enkelin des englischen Königs Jacob I. - und ihre adelige Erziehung , die Contenance an erste Stelle setzte, ermöglichten ihr, die Situation zu erdulden.  Ihr englischer Zynismus, den sie mit ihrer Nichte Liselotte von der Pfalz gemeinsam hatte, halfen ihr, die nötige emotionale Distanz zu manch einer unerträglichen Situation zu schaffen.

Staatsräson, das Zauberwort, trieb Ernst August auf seinem Weg zur kurfürstlichen Macht an. Dazu zählte die Schaffung einer durchstrukturierten Verwaltung, der Aufbau eines stehenden Heeres, und nicht zuletzt die Prachtentfaltung am Hannoverschen Hof, mit Kunst, Wissenschaft, Literatur und Musik. Musik liebte er über alles, insbesondere die italienische Oper. Er baute eines der prachtvollsten und größten Opernhäuser Europas und holte berühmte Sänger und Musiker an seinen Hof. Er führte den venezianischen Karneval in Hannover ein, zu dem der hannoversche Adel, aber auch Fürsten, Hofdamen und Mätressen von allen großen Häusern zu Gast waren.

So gelang es Ernst August, dank seines unbeugsamen Willens und seines unaufhaltsamen Machtstrebens,  aus einem zersplitterten kleinen Restreich, das sich zwar eines großen Vorfahren namens Heinrich der Löwe rühmte, aber Äonen von dessen Größe entfernt lag, wieder ein europaweit anerkanntes Fürstentum zu erschaffen. 

Viel Glück war dabei im Spiel, insbesondere die Ehe mit Sophie, deren königliches Blut ihm Zutritt zu einem dynastischen Netzwerk von europäischer Dimension verschaffte, sowie die Verbindung zu einer der bedeutendsten  protestantischen Familien - auch wenn diese, durch das Vabanquespiel des „Winterkönigs"  an Bedeutung verloren hatte.

Durch Brauttausch und kluges Taktieren sicherte er sich das ganze Herzogtum Hannover, baute ein stehendes Heer auf und  etablierte mit dem Geheimen Rat, der Kammer und dem Kabinett, Strukturen einer Zentralbehörde, die es ihm ermöglichte, trotz wichtiger politischer Aufgaben, seine Gewohnheit beizubehalten, oft für viele Monate  zu Lustreisen nach Venedig zu verschwinden.

Man nannte ihn den  "ersten Edelmann Deutschlands", er sei "ein sehr gut aussehender Mann von königlichem Geist, fähig zu den größten, aber auch zu den gewalttätigsten Plänen" attestierte ihm ein französischer Besucher.

Er war ein  kluger Politiker und Stratege, charmant und gewinnend im Umgang, ein Frauenheld und leidenschaftlicher Opernliebhaber, ein unerbittlicher Verfolger seiner Ziele, ohne Rücksicht auf das Leid Nächststehender. Fromm, aber rücksichtslos, immer bereit die Konfession zu wechseln, sollte es die Staatsräson für opportun halten, intelligent und gebildet, musisch, sinnenfroh...aber auch mit einem Hang zur Melancholie, der er mit Musik und rauschhaften Festen in Venedigs Karneval zu entfliehen suchte.

Ein barocker Mensch, den Sophie Charlotte sehr liebte und mit dem sie ihre Liebe zur Musik teilte. Nach einem letzten Besuch bei ihm, kurz vor seinem Tod, schreibt sie ihrer Mutter "ich muss immer an die Güte und Liebe denken, die mir mein Vater erwiesen hat, und an den traurigen Zustand in dem ich ihn verließ; all dies will mir nicht aus dem Sinn, nebst dem Lieben, was er mir gesagt hat.“

 

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