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Ein Gemüsegarten im 3. Jahrtausend?

„Warum soll man sich an der Schwelle des dritten Jahrtausends noch die Mühe machen, Obst und Gemüse anzubauen?“ Das schrieb Monty Don, Journalist, Buchautor und Moderator zahlreicher englischer Gartensendungen, im Vorwort seines 1999 erschienen Buches „Garten und Gabel – Ein kulinarisches Gartenjahr.“

Ja warum sollte man einen Gemüsegarten haben, wo es doch heute wirklich alles, und darüber hinaus in guter Qualität zu kaufen gibt? Schon 1997 hatte Christopher Lloyd, der berühmte englische Gärtner und Gartenbuchautor, dessen Garten in Great Dixter zu meinen absoluten Favoriten zählt, mit seinem Buch „The Gardener Cook“ Rezepte aus seinem Gemüsegarten veröffentlicht, noch drei Jahre bevor Jamie Oliver sein erstes Kochbuch herausbrachte. Durch Jamie Olivers Plädoyer für frische Produkte und besonders durch seine unkomplizierte und lässige Art, sie zuzubereiten, ist Gemüse wieder „chic“ und „hip“ geworden. Auch ein Gemüsegarten in der Stadt ist inzwischen nichts Besonderes mehr, und die Tatsache, dass es nicht unbedingt ein eigener Gemüsesgarten sein muss, sondern dass, wie im Falle des Prinzessinnengartens in Berlin Kreuzberg, mit Erde gefüllte Reissäcke als Gemüsegarten dienen können, eröffnet ungeahnte Möglichkeiten, dieses so wichtige und hochaktuelle Thema einer wirklich breiten Öffentlichkeit nahezubringen. Auch die amerikanische Präsidentengattin Michelle Obama hat im Garten des weißen Hauses selbst den Spaten in die Hand genommen um einen Gemüsegarten anzulegen, mit dem Ziel, junge Menschen vom „Fast Food zum Fresh Food“ zu bringen.

Noch vor gut sechzig Jahren, nach dem Zweiten Weltkrieg, als es erstmal gar nichts gab, wurde sogar der große Platz vor dem Reichstag zum Gemüsegarten. Nach ein paar Jahren schon, als man sich ´wieder was leisten konnte`, als es immer mehr Dosengemüse und bald auch Tiefkühlkost gab, dauerte es nicht lange und der Gemüsegarten wurde zum Zierrasen, auf dem der Besitzer in der Hollywoodschaukel baumelte und Libby´s Fruchtcoctail löffelte. Aus – vorbei! Der Gemüsegarten verschwand von der Bildfläche und war allenfalls noch im Schrebergarten anzutreffen. Man hatte es nicht mehr nötig, Gemüse im Gemüsegarten anzubauen. Das gab´s im Supermarkt, und noch dazu sauberer, ohne Würmer, ohne Abfall, am Besten tief gefroren und fertig geschnitten. Als in den 70gern die Ökowelle fest entschlossene Aussteiger aus den Städten in die Dörfer flutete, wurde der Gemüsegarten plötzlich wieder entdeckt. Und nach ein paar Jahren gab es in Bioläden Gemüse aus dem Gemüsegarten zu kaufen. Meistens etwas verschrumpelt und wenig ansehnlich. Aber es ging zunächst auch nicht um das Gemüse selbst. Es ging um die Utopie eines besseren Lebens, die verortet wurde im eigenen Gemüsegarten, und auch wenn dieser zunächst eher einem Abenteuerspielplatz für Erwachsene glich, so war es immerhin ein Anfang. Und es wurde daraus tatsächlich eine Renaissance des klassischen Gemüsegartens, der als Bauerngarten in manchen weit abgelegenen Gegenden überlebt hatte, und nun, nach einem langen Dornröschenschlaf plötzlich in den Fokus des Zeitgeistes geriet.

Ich habe von Anfang an in Ippenburg einen Gemüsegarten gehabt, zunächst direkt an der Küche, westlich des Schlosses und später an der alten Bruchsteinmauer im 600 Jahre alten Obstgarten. So richtig ernsthaft geerntet habe ich nicht, mehr mit meinen vier Kindern genascht. Meistens war der Garten auch ziemlich verkrautet, aber immerhin, etwas Salat und Spinat, ein paar Kartoffeln und natürlich Kräuter hatte ich da. Es war wie in meiner Kindheit, als ich mit meinen Schwestern im Gemüsegarten meiner Mutter eigene Beete anlegte, die wir jedes Frühjahr mit großem Elan harkten und mit Radieschen und Salat bestückten, um sie dann, wenn sie von Franzosenkraut und Vogelmiere heimgesucht wurden, vorsätzlich zu meiden und sie kommentarlos den pflegenden Händen unserer Mutter zu überlassen. Um es kurz zu sagen, es herrschte Chaos in meinem ersten Gemüsegarten, so wie bei all den anderen verträumten 68gern, die ihren Traum vom Landleben im Gemüsegarten zu finden glaubten, und sich nach ersten Enttäuschungen bald wieder den intellektuelleren Themen der grünen Bewegung zu wendeten.

Ich wiederum legte meine ganze Leidenschaft in die obsessive Vermehrung von Stauden und Rosen, mit denen ich allmählich 6 ha Gartenland des Ippenburger Schlossparks füllte. Bis zu dem Augenblick, als im Zuge der Niedersächsischen Landesgartenschau mir ein fast 4000 m² großer Küchengarten beschert wurde. Ich hatte ihn gewollt, hatte den Architekten, die in einem Workshop die Gärten der Landesgartenschau planten, einen Plan aus dem Jahr 1703 gegeben, in dem der alte Gemüsegarten eingezeichnet war, mit dem Hinweis darauf, dass ich mir so etwas für eine Landesgartenschau doch sehr gut vorstellen könnte. Als er dann aber da war und ich mich konfrontiert sah mit 3500 m² Gemüse, sank mein Mut. Insgeheim überlegte ich mir schon, dass ich 2011 einen großen Teil der rasterartig angelegten Beetflächen wieder in Rasen umwandeln würde um dort beim Festival Zelte aufzustellen. Das wäre sehr praktisch gewesen, denn man hätte rund um die Rasenflächen befestigte Wege gehabt. Aber dann packte mich die Leidenschaft. Den ganzen Winter studierte ich Fachbücher und versuchte, mich in die Grundlagen der Mischkultur einzuarbeiten. Ich bestellte Unmengen Saatgut– allein 10 Sorten Erbsen, 10 Sorten Bohnen, 20 Sorten Kartoffeln, 10 Sorten Salat, Kräuter, Blumen und vieles mehr. Und als das Frühjahr kam, wuchs meine Nervosität, meine Angst vor Krautfäule, Mehltau, weißen Fliegen, Kartoffelkäfern, Milben und Läusen. Schließlich war es ja nicht irgendein Gemüsegarten, den ich hier bebaute, sondern ein Schaugarten, den Zehntausende Besucher sehen würden. Aber es wurde wunderbar.

Ich habe jetzt eine neue Obsession - ich träume von Gemüse, photographiere Gemüse, verarbeite Gemüse zu immer neuen Gerichten, mache Chutneys, ja sogar Marmelade – kurz, nicht ich habe einen Küchengarten – er hat mich. Und nicht nur mich. Meine ganze „Crew“ ist dem Virus verfallen. Wenn die 600 Jahre alten Bruchsteinmauern, die unseren riesigen Küchengarten umgeben, sprechen könnten, würden sie sagen, dass hier ein paar Verrückte wohnen, die über ein paar Kohlköpfe in Begeisterungsstürme ausbrechen, dass hier Photographen in erstem Morgenlicht andächtig vor ein paar Artischocken hocken, dass ganze Kochbrigaden in weißen Uniformen Körbe von Kapuzinerkresseblüten, Rosenkohlröschen und Topinambur sammeln, dass plötzlich, an warmen Sommerwochenenden Tausende „Ah und Oh“ rufende Menschen wie Heuschrecken einfallen, an Blumen schnuppern, Kräuter zwischen ihren Fingern zerreiben und, sich scheu umblickend, ein paar Erbsen naschen. Ja, das alles würden die Mauern sagen und sich wundern darüber, was jetzt hier geschieht, wo doch vor wenigen Jahren noch ein Badeteich war, in dem Kinder herumplanschten und Jahre zuvor eine Pferdewiese und noch weiter zurück eine Blautannenschonung.

Und nach dem Krieg, da war hier sogar eine Gärtnerei, in der die fast Hundert Flüchtlinge, die im Schloss einquartiert waren, arbeiteten, um sich zu ernähren, aber auch um überschüssiges Obst und Gemüse auf dem Osnabrücker Markt zu verkaufen. Inzwischen habe ich eine Beregnungsanlage gebaut, mit elf hohen Sprengern, die sich im Kreis drehen und dieses satte Klappergeräusch machen, dass ich so liebe, weil es für mich der Inbegriff von Sommer, Sonne und Hitze ist.

Auch eine Dränage habe ich gebaut, weil im August 2010, während der Landesgartenschau, das Hochwasser den Garten überschwemmte. Ich habe Hochbeete und Hügelbeete gebaut, habe mehrere Glashäuser und ab nächstem Jahr auch einen professionell angelegtem Komposthaufen, für den ich bereits einen Häcksler gekauft habe, damit ich die Pflanzenreste gleich zerkleinern kann um die Humusbildung zu beschleunigen.

Und wenn es in diesem, meinem ersten ernsthaften „Gemüsegartenjahr“ meines Lebens alles schon recht gut gelaufen ist, so habe ich doch viele Fehler gemacht. Ich habe alles viel zu eng ausgesät, habe viel zu viele verschiedene Sorten angebaut, der Pak Choi und der Knollenfenchel sind immer geschossen, auch bei dreimaligen Versuchen und ich habe drei Reihen „kriechenden Rosmarin“ gepflanzt, sodass wir, auch nach gründlichem Waschen immer Sand im Steak hatten.

Ein Gemüsegarten, und besonders einer in dieser Größe, der dazu auch noch als Schaugarten dient, ist eine Herausforderung. Was mich begeistert, anspornt und meine Leidenschaft noch steigert, ist die Tatsache, dass Thomas Bühner, der Koch vom Restaurant La Vie in Osnabrück, der in diesem November seinen dritten Michelinstern erhielt, in meinem Garten erntet. Er ist es, der mit seiner Kochbrigade frühmorgens durch die Beete streift und allerlei Gemüse, Kräuter und Blüten für seine Küche sammelt. Und für das nächste Jahr werde ich versuchen, noch interessanteres Saatgut zu säen, werde zum Beispiel mehrere Reihen der violetten Kartoffel Vitelotte haben dazu einige der fast runden „Aeggeblomme“, die, wenn sie ganz jung ist, aussieht wie ,eine Murmel. Dazu venezianische Artischocken, den echten französischen Estragon und vieles mehr! Auch Quitten, Birnen, Pflaumen und interessante Apfelsorten, gut schmeckende Himbeeren und Brombeeren, Pfirsiche und Aprikosen werde ich pflanzen.

„Das gab es alles schon einmal hier!“, höre ich die alten Mauern raunen. Ja das gab es schon einmal. Als ich hierherkam, fand ich noch die letzten Reste eines alten Pfirsichbaumes. Alles hat eben seine Zeit. Blautannen haben ihre Zeit und Pferdewiesen haben ihre Zeit. Jetzt ist eben mal wieder Zeit für Obst und Gemüse.