Die Ippenburger Rosen

Was ist ein Garten ohne Rosen? Oder  –
Was ist ein Rosengarten? 

Je schöner ein Garten ist, desto mehr Plätze
für Rosen ergeben sich von selbst.
sagt Karl Foerster

Rosen - eine Hass-Liebe

Mein „Gärtnerleben“ begann mit einem Rosenbeet. Das war 1978, als ich mit meinem Mann und unserem ersten Sohn ins Schloß zog. Eigentlich konnte ich Rosen gar nicht leiden. Ich fand Rosenbeete spießig und die ganze Romantik, die um die Rose getrieben wurde, peinlich und kitschig.

Das einzige, was ich akzeptierte – und was ich damals als meine Herausforderung annahm, war die Tatsache, dass vor ein Schloss ein Rosenbeet gehörte. Irgendwie dachte ich, die Rose sei eine Art Statussymbol.

Zwischen der Rose und mir begann in dem Moment, als ich beschloss dieses Rosenrondell vor der Nordfassade des neugothischen Schlosses anzulegen, eine Hass-Liebe, die über 25 Jahre währte.

Das Rosenrondell

- das sei hier kurz erwähnt, missglückte in jeder Hinsicht. Die Auswahl der Rosen ist mir heute noch peinlich. Da ich die Farben des Familienwappens darstellen wollte - auch so eine Zwangshandlung meines frühen Schlosslebens - hatte ich die weiße Edelrose Virgo und die Rote Beetrose Montana gewählt . Ein Alptraum, diese Kombination! Jeder, der diese Rosen kennt, wird dem ohne Zögern zustimmen. Es war wie eine Verbindung aus Highheels und Gesundheitsschuhen  – Vor ein paar Jahren hätte ich noch geschrieben: Highheels und Gummistiefeln. Wie sich die Zeiten ändern. Gummistiefel trägt man inzwischen in der City – Highheels & Wellies bilden heute ein perfektes Paar.

Die Tatsache, dass ich die Rosen lediglich unter dem Aspekt des Farbkonzepts eingesetzt hatte, ohne Rücksicht auf ihre „Persönlichkeit“ , fachmännisch gesagt, auf ihren Habitus, und ohne Rücksicht auf grundsätzliche Standortansprüche, rächte sich. Virgo schoss in die Höhe, schlank und elegant – mit grünlich, mondlichtfarbener Edelrosenblüte, während Montana sich in einem lauten Knallrot sperrig und struppig breit machte. Allmählich jedoch bildete sich um die Rosen ein merkwürdiges dschungelhaftes Dickicht. Zunächst war ich begeistert von der Wüchsigkeit meiner Rosen, doch als die frischgrün wuchernden Triebe schließlich alles überdeckten, merkte ich, dass da etwas nicht stimmte. Ich durchwühlte sämtliche Rosenbücher, verglich, zählte die Blätter, verglich noch einmal – und da war es klar: mein grüner Dschungel war ein Meer von Wildtrieben. Oder vielleicht sollte ich lieber sagen: ein Heer von Wildtrieben. Ich fühlte mich in der Tat angegriffen. Gut, ich hatte aus Unwissenheit die falschen Sorten kombiniert und ich hatte aus Unwissenheit die Wurzeln einfach in die Erde „gestopft“, so, dass sich die einzelnen Wurzelzweige und Fäden schön nach oben bogen und ihrem genuinen Drang zum Licht nichts entgegentrat. Es war Unwissenheit und kein Vorsatz gewesen. Was ich hier sah, empfand ich jedoch als Angriff – als vorsätzlichen Angriff! 

Zunächst ging ich mit der Rosenschere  auf das Heer von Wildtrieben los und schnitt sie alle ab. Was übrig blieb waren ein paar mickrige, halb erstickte, mit Mehltau überhauchte „Virgos“  und viele struppige Montanabüsche, deren Blätter mit braunen Rostpunkten übersät waren. Die Schnittstellen der Wildtriebe produzierten in kürzester Zeit die dreifache Menge neuer Triebe – die siebenköpfige Hydra ist nichts dagegen!

Im Herbst 1979 habe ich dann alles herausgerissen – Die Rosen, die einigermaßen überlebt hatten, pflanzte ich in verschiedene Beete auf der Südseite des Schlosses, weit von einander entfernt. Virgo hielt nicht lange durch, wohingegen Montana mich noch einige Jahre an meine erste große Schlappe erinnerte.

Zunehmende Leidenschaft

Bis zum Jahr 2002, als ich für das inzwischen 5.Ippenburger Gartenfestival das Motto „Ein Fest der Rose“ wählte, hat diese Hassliebe gedauert. Man kann sagen, dass ich das Motto wählte, um endlich diesem Bannkreis von Vorurteil, Enttäuschung und Überforderung zu entfliehen.

Das Stadium des gärtnerischen Analphabetentumns lag inzwischen weit hinter mir. Ich wußte sehr viel, denn ich hatte mir, wie es Autodidakten so tun, durch unermüdliches Bücherstudium und durch ein fortdauerndes und an Leidenschaft zunehmendes Trial & Error – Verfahren eine umfassende Kenntnis erarbeitet. Auch den Rosen hatte ich mich, nach ca zweijähriger Abstinenz, vorsichtig genähert und hatte viele historische, aber auch ein paar moderne gepflanzt. Durch Stecklinge vermehrte ich meine Rosen inzwischen selbst, wobei ich den größten Erfolg mit Queen Elizabeth und Sissinghurst Castle erzielte.

Entdeckung und ...

Mit der „Entdeckung“ der Austinrosen erwachte bei mir dann die erste, zarte Rosenleidenschaft. Diese sogenannten Englischen Rosen verbanden Duft und Zauber der historischen mit der Üppigkeit und, das war besonders wichtig, mit der Farbvielfalt, der modernen Rosen. Ich liebe nämlich rubinrot und orange – im Gegensatz zu den meisten weiblichen Gartenliebhabern. Hier und da sind mir sogar schon männliche Gartenliebhaber begegnet, die Rosen in zarten pastelltönen bevorzugen, oder gar nur Weiß in ihrem Garten zulassen!

 Mit dem „Fest der Rose“ 2002 machte ich dann auch noch die Bekannschaft mit den feurigen Harknessrosen und mit den Malerrosen von Delbard. Und in Deutschland eroberten Kordes und Meiiland-Strobel zeitgleich den Markt mit phantastischen Neuzüchtungen, die keinen Wunsch mehr offen ließen! Jetzt schöpfte ich aus dem Vollen. Meine Leidenschaft nahm obsessive Züge an. 5000 Rosen zählte ich im Jahr 2006, danach hörte ich auf zu zählen. Mein Hauptinteresse war inzwischen weniger die Rose an sich, als vielmehr die Frage, was ist eigentlich ein Rosengarten? Welche Begleitung verdient die Rose, fordert sie, verkraftet sie? Wie kann man ihre Schönheit oder Attraktivität steigern? Wie brechen?

In jeder Stadt, an jedem Ort, in jedem Park, den ich besuchte, steuerte ich zuallererst den Rosengarten an. Auf jeder Landes- und Bundesgartenschau – ja einfach überall. Ich habe Rosengärten und Rosarien von Erfurt bis Spiekeroog, von Madeira bis Kapstadt besichtigt, und zuletzt, wenn auch Anfang Oktober, die Rosengärten der Sultane im Top Kapi Seray in Istanbul. Und –  ich war eigentlich immer enttäuscht. Oft entsetzt. Rosen ohne Begleitung, auf nacktem Boden, oft von Rindenmulch umgeben. Manchmal etwas Lavendel, Storchenschnabel, Katzenminze – oft – oh Schreck – Tagetes, na ja, weil es für die Gesundheit der Rosen gut ist. Ich habe Rosen mit Begonien, Petunien, Lobelien gesehen, im Herbst mit Ufo-artigen   Chrysanthemenkugeln, im Frühling mit Stiefmütterchen –und – und -  und –  .

Gartenfestival Schloss Ippenburg

Rosengarten oder Rosarium

So reifte in mir der Gedanke, einen Rosengarten anzulegen. Nicht, wie bisher, einen kleinen Schaugarten. Diese Fingerübungen und Etüden hatte ich ja seit nunmehr 10 Jahren fleißig absolviert, mit zum Teil phantastischen Beiträgen von internationalen Gartendesignern und vielen eigenen üppigen Beeten rund um das Schloss.

Der Austinrosengarten zum Beispiel, 2001 nach Plänen von Gabriella Pape und Isabelle van Groeningen, damals noch in England, heute Inhaber der Königlichen Gartenakademie Berlin, deren Gründer sie sind, geht schon in sein 14.Lebensjahr, wurde gerade mit über 40 Rosen „aufgefrischt“ und mit 3000 weißen Tulpen „frühlingsfit“ gemacht. Die prachtvollen Kordesrosen, die bis zum vergangenen Jahr auf der Rosenspirale blühten, stehen jetzt, zusammen mit den weißen Ramblern von Christpher Bradley-Holes Rosentunnel, der 2007 Kyrill zum Opfer fiel, in der langen Achse des Alten Obstgartens. Rosengärten entstehen, werden erneuert, verändert – Rosen wandern von Ort zu Ort – erscheinen in neuem Licht, in neuer Begleitung,  in immer neuen Kombinationen. 

„Bau doch ein Rosarium“, sagte mein Mann im Herbst 2011, als wir durch die Schaugärten, die von der Landesgartenschau 2010 übrig geblieben waren, schlenderten,  ich ihm den Rückbau der Gärten erklärte und laut darüber nachdachte, dass man doch das Thema Rosen weiter deklinieren, konjugieren müßte, da es noch lange nicht zu Ende gedacht sei – nein, eigentlich überhaupt erst ganz am Anfang stünde ---  

Ein Rosarium! Um Himmels Willen! Gefährliches Terrain, vermintes Gelände, Glatteis.

Ich, als gerade dem gärtnerischen Analphabetentum entwachsene Autodidaktin sollte mich auf dieses Parkett begeben? Diesen Spiegelsaal der Eitelkeiten betreten, in dem der über Jahrhunderte gewachsene Sach – und Fachverstand großer Männer – übrigens fast ausnahmslos Männer – versammelt war? Never, ever!

Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Je größer die Furcht vor den „hohen Herren“, desto größer die Lust, es zu versuchen.

Und dann hatte ich die Lösung. Es würde ein Rosarium werden, das die Kriterein eines Rosariums zwar erfüllen würde. Eine Rosensammlung, eine Art Rosenmuseum – Aber es würde ein  Museum der Moderne sein. „Rosarium 2000+“   sollte es heißen, die Anlage der Beete sollte minimalistisch, im Stil der Bauhaus-Architektur erfolgen  und die  Rosen sollten mit dem  Jahrgang 2001 beginnen.

Für die Architektur bat ich den Londoner Gartendesigner und Architekten Christopher Bradley Hole, der in den vergangenen Jahren in Ippenburg bereits 5 Gärten geschaffen hatte, um einen Plan. Sven Stange von der Rosenschule Stange traf eine Vorauswahl der Rosenjahrgänge 2001 – 2012, sprach mit den sechs europäischen Züchtern, bestellte, organisierte – spendete Rosen und sehr viel Zeit und Rat! Die Landschaftsarchitektin Ursula Gräfen, die seit dem ersten „Fest der Rose“ im Jahr 2002  zum festen Bestandteil der Ippenburger Gartenkunst zählt, machte die Endauswahl und die  Einteilung in Farbschemen der einzelnen Jahrgänge.

Gemeinsam wählten wir die  Begleitstauden und  die Sommerblumen, fuhren nach Appeltern in Holland, in Staudengärtnereien und Sichtungsgärten um Raritäten und Neueinführungen zu sehen,  wälzten Kataloge von Saatgutanbietern. Die Erfahrung und das  unerschöpfliche Wissen der Stauden – und Rosenkennerin Ursula Gräfen  war der feste Grund auf dem ich mich sicher fühlte und meiner Phantasie freien Lauf lassen konnte. Man kann sagen, dass das Rosarium 2000+ die Quintessenz von  10 Jahren gemeinsamer Ippenburger Rosenlust geworden ist –  eine Rosenpflanzung, die äußerst raffiniert und modern ist und doch vollkommen unprätentiös und von einer überwältigenden sinnlichen Fülle.