Projekt 2018

„Ein geheimer Garten – ein wilder Ort!“

 

Das Projekt und wie es dazu kam...

Der „Geheime Garten“ der kleinen Mary Lennox aus dem gleichnamigen Kinderbuchklassiker von Frances Hodgson Burnett, Autorin des berühmten Buches „Der kleine Lord“, ist ´unter umgekehrten Vorzeichen` Vorbild für das neue Ippenburger Projekt: „Ein geheimer Garten – ein wilder Ort“. 

Der „Geheime Garten“ in Ippenburg liegt hinter hohen Hainbuchenhecken, im westlichen Teil des großen Heckenlabyrinths, dort wo sich seit mehr als 15 Jahren Themengärten im Jahresrhythmus in immer neuem Gewand zeigten. Er ist nicht etwa seit 10 Jahren verwildert und nicht betreten worden, so wie jener, dessen Tür die kleine Mary in dem oben genannten Buch entdeckt und öffnet – nein, er ist erst seit diesem Jahr abgesperrt. Deshalb spreche ich vom Vorbild ´unter umgekehrten Vorzeichen`. 

„Als Mary erfuhr, dass es einen "geheimen Garten" gäbe, der seit zehn Jahren - ab dem Zeitpunkt, an dem dort Mrs. Craven verunglückte und an den Folgen des Unfalls starb - verschlossen war, machte sie sich auf die Suche nach ihm. Sie fand die hinter Efeu verborgene Tür und den von Mr. Craven vergrabenen Schlüssel. Schon bei ihrem ersten Besuch begann sie, den gänzlich verwilderten Garten wieder schön zu machen.“

In Ippenburg wird nicht ein „gänzlich verwilderter Garten wieder schön“ gemacht, sondern es wird ein inszenierter „verlassener Garten“ geschaffen, indem die Rückeroberung durch die Natur bewußt als Gestaltungsmittel eingesetzt und deshalb zugelassen wird, sowie der Eindruck, es handele sich um einen verlassenen Garten durch zahlreiche Einbauten verstärkt wird.

Den Anstoß zu dem Plan dieses „zurück zur Natur- Projektes“ und der Gedanke, diese Fläche von dem anderen, eher formal und gärtnerisch intensiv gestalteten Teil, dessen Hauptakteur das 2013 entstandende Rosarium 2000+ ist, streng abzutrennen und nur durch einzelne Holztüren zugänglich zu machen, entstand im Mai dieses Jahres, an einem sommerlichen warmen Morgen, der erfüllt war von Vogelgezwitscher in einer Intensität, die ich an so einem relativ kleinen, überschaubaren Ort noch nie erlebt hatte.

Ich hatte mir an diesem Morgen in den Kopf gesetzt, meine seit einem Jahr gereifte Idee, das gesamte südliche Ausstellungsgelände in einen Landschaftspark zu verwandeln, final zu planen. Mit Zollstock, Bandmaß, Notizblock und Kamera war ich losgezogen, vor meinem inneren Auge das Bild eleganter, durch Wege verbundener Rasenflächen, hier und da unterbrochen von einzelnen Baumgruppen und weidenden Schafen – im Kopf diese ganze Idylle, die meinem Repertoire Dank Tausender Photographien und Gemälde schon seit Langem zur Verfügung stand. 

Der Plan sah vor, sämtliche Einbauten zu entfernen, auch alle Hecken und Beete - und besonders das Rosarium, dessen Existenz in Ippenburg eigentlich schon im Herbst 2016 besiegelt war und das nur Dank einiger Planungsschwierigkeiten der Bad Iburger Landesgartenschau nun doch in Ippenburg verblieb – ganz zur Freude der zahlreichen Besucher, die an den geöffneten Sonntagen im Mai, Juni und Juli 2017 die Ippenburger Gärten besichtigten.  

Mit diesem klaren Bild vor Augen streifte ich nun an diesem Maimorgen durch das inzwischen schon erstaunlich verwilderte Gelände, das seit Herbst 2016 keine Hacke, keine Säge, keine Schere und keine ordnende Hand mehr gesehen hatte – und war auf Anhieb verzaubert. Das Potential, dass sich vor meinem inneren Auge entfaltete, war überwältigend, und mein Plan, ´tabula rasa` zu machen, um eine frische, neue Leinwand für ein neues Kunstwerk zu schaffen, war dahin.

Überall hatte die Natur sich ihren eigenen Weg gebahnt, eine Brombeerranke von sechs Metern schob sich über einen Kiesweg, Rosen und Goldhopfen überwucherten eine Laube, die sich unter der Last zur Seite bog, überall herrschte chaotische Fülle und eine Üppigkeit, die mich überwältigte. 

Die Natur hatte sich binnen weniger Monate ihr Terrain zurückerobert – und ich beschloss auf der Stelle, meinen Plan zu verwerfen und stattdessen dem Spektakel dieser Rückeroberung freien Lauf zu lassen.  

Der erste und auch der einfachste Schritt war der Auftrag an eine Ornitologin, für das Frühjahr 2018 ein Avifaunisches Gutachten zu erstellen, um die faszinierende Vielstimmigkeit des Vogelgezwitschers das mir jetzt nur wie ein eher chaotisches Stimmen eines riesigen Orchesters erschien, lesbar und verstehbar zu machen.

Der ersten Euphorie folgte eine gewisse Ratlosigkeit darüber, wie dieses „neue Projekt“ zu nennen, zu gestalten und zu kommunizieren sei.

Nicht nur weil ich „Nonna“ von sieben Enkeln bin, die am liebsten ziellos durchs wilde Grün streifen, sondern auch, weil ich selbst meine Kindheit in freiem Spiel auf dem Hof, in Wiesen, Feldern und Wäldern verbrachte, war ich von Anfang an überzeugt, dass ich mit diesem Projekt einen Ort für Kinder schaffen wollte. 

Für Kinder und für alle, die ihre Fähigkeit zu Staunen noch nicht verloren haben, die Freude daran haben, Erinnerungen an ihre Kindheit neu zu beleben und die einen Rest Sehnsucht nach Wildnis und Abenteuer verspüren.

Kinder würden den Ort verstehen, davon war ich überzeugt und wurde darin  bei verschiedenen Aufenthalten mit meinen Enkeln bestätigt. – Aber damit Kinder in den Genuss kämen, das Areal zu erforschen, müßten zuerst die Erwachsenen erreicht werden und ihre Neugierde auf meine „Wildnis“, wie ich das neue Projekt nannte, geweckt werden. 

Für Kinder und für alle, die ihre Fähigkeit zu Staunen noch nicht verloren haben, die Freude daran haben Erinnerungen an ihre Kindheit neu zu beleben und die einen Rest Sehnsucht nach Wildnis und Abenteuer verspüren.

Kinder würden den Ort verstehen, davon war ich überzeugt und wurde darin bei verschiedenen Aufenthalten mit meinen Enkeln bestätigt. Aber damit Kinder in den Genuss kämen, das Areal zu erforschen, müssten zuerst die Erwachsenen erreicht werden und ihre Neugierde auf meine „Wildnis“, wie ich das neue Projekt nannte, geweckt werden.

Ich brauchte einen Namen und eine Geschichte. Ein Narrativ.
Eine Art Drehbuch, um diese „Wildnis“, wie ich den Ort zunächst nannte, den Besuchern - besonders den Erwachsenen Besuchern – verständlich zu machen.

Wie immer wurde ich in der Literatur sehr schnell fündig. „Der geheime Garten“ von F. Hodgson Burnett, „Der alte Garten“ von Marie Luise Kaschnitz oder auch „Der verborgene Garten“ von Kate Morton und viel andere Romane und Erzählungen eigneten sich als Inspiration und Vorbild.

Ich entschied mich für den Titel:

"Ein geheimer Garten - Ein wilder Ort!"

und verabschiedete mich somit auch von dem Wildnisbegriff, der Erwachsenen allzu schwer zu vermitteln war. 

Die Geschichte, die das Drehbuch des Projektes bestimmen wird, handelt von verlassenen Gärten, verzauberten Orten, an denen Bauten, Gegenstände und Pflanzen daran erinnern, dass hier einstmals Gärten waren, von der Kraft der Natur, die alles verschlingt und unter sich begräbt, wenn man ihr nicht Einhalt gebietet und von der Poesie und Schönheit, die durch den Prozess der „Renaturierung“ kultureller und anthropozentrischer Orte entsteht.

Aber sie handelt auch von Vögeln, Insekten und anderen Tieren, die den Prozess der „Renaturierung“ für sich nutzen und das Areal zu ihrem Lebensraum machen, sowie davon, dass durch Pflanzen und allerlei Unterschlupf – und Nisthilfen die Zahl der Tiere erhöht werden kann, was wiederum die Freude des Menschen, sich an diesem „wilden Ort“ aufzuhalten, zu steigern vermag.  

Und da dieser „wilde Ort“ ein Ort für Kinder sein soll, wird es neben der Freude am Schauen, Tasten und Lauschen auch ganz handfeste Möglichkeiten geben, die Elemente Wasser, Luft und Erde ganz konkret zu gebrauchen, sich an ihnen zu messen, sie zu gestalten. Es darf gebaut, gematscht, geklettert, gehämmert und auf dem Floß das Ufer erkundet werden. Es wird Werkzeug und Material geben, um Äste, Zweige, Steine und vieles mehr in freiem Spiel gestalterisch nutzen zu können.



 

Die Umsetzung der Künstlerin Bärbel Hische

Bei dem Versuch, Garten und Wildnis zu einer harmonischen Komposition zu entwickeln, merkte ich sehr schnell, dass es hier eines geschulten Blicks von Außen bedurfte und ich wußte auch sofort, wen ich fragen würde. 

Die Künstlerin Bärbel Hische aus Cloppenburg. 

Ihre Fähigkeit, sich in Themen, Landschaften und komplexe Zusammenhänge hineinzudenken und Lösungen zu entwickeln, die sinnlich, poetisch, amüsant und avantgardistisch sind und doch immer verständlich und selbsterklärend, hat sie in ihren vielen Projekten und Installationen gezeigt, die sie seit 2005 in Ippenburg realisierte. 

So begannen Bärbel Hische und ich das Areal in mehreren Spaziergängen zu erobern.Die Idee des Spaziergangs wurde allmählich zu einem Leitmotiv, wobei allerdings die Notwendigkeit, Kontraste zu schaffen, einen Gegenpol zur Natur und Wildnis, sowohl als auch zu den einzelnen Gärten sich immer mehr herauskristallisierte.

Um die überbordende Natur wahrnehmen zu können, braucht das menschliche Auge einen Spannungsbogen, um angesprochen zu werden, geleitet zu werden und sich allmählich vertraut zu machen.

Bärbel Hische wählte dafür das Mittel der Farbe – Alle, die ihre Werke kennen, wird das nicht überraschen. Das Spiel mit der Farbe ist eines der Hauptelemente ihres künstlerischen Schaffens. Farben sind für sie wie Rhythmus, Melodie und Noten in in einer musikalischen Komposition.

Zu meiner größten Überraschung wählte sie die Farbe Weiß. Hatte ich zunächst noch den Wunsch Ulramarinblau, auch Pücklerblau oder Yves Klein Blau genannt, zu verwenden, ließ ich mich doch sehr schnell überzeugen, dass die Farbe Weiß sehr gut geeignet ist. 

Im Gegensatz zu Schwarz, der völligen Abwesenheit von Farbe, ist Weiß die Summe aller Farben des Lichts. 

Es verkörpert also physikalisch gesehen nicht das Nichts, sondern Alles.  

„Ich empfinde die Farbe Weiß als extremstes Gegenüber zu den Farbgebungen der Natur. Weiß wäre der größtmögliche Kontrast, über dieses Leitbild könnten wir einen Wegweiser für die Publikumsführung schaffen. Es geht mir um effektvolle Stil- und Einsatzmittel, ohne den belassenen NaturRaum zu beschädigen. In jedem NaturRaum und am Wegesrand würde ein erkennbarer Gegensatz durch weiße Elemente gesetzt werden und mit dem Eigentlichen - der Natur im Kontrast stehen“.

Und wie schon in ihren früheren Inszenierungen wird die Farbe nicht einfach als Abstractum eingesetzt sondern erscheint in vielen kleinen, über das ganze Areal verstreuten Gegenständen und Installationen, eingefügt in eine kompositorisch stringente Choreographie die das Ganze durchdringt und zusammenführt.

Und Bärbel Hische verrät auch schon ein paar Beispiele, quasi als Auftakt für ihre Komposition. Ihre Phantasie und Kreativität und ihre Lust am Spiel spricht schon aus diesen ersten spontanen Ideen:

„Die Farbe Weiß.

Am Eingang ein weißer ‘Kaufmannsladen’ mit Eingewecktem/Weckgläsern
Weiße Regentonnen mit Schilf, Froschlöffel, Lilien. Der Container als Vogelbeobachtungsstation bekommt ein weißes Segel über dem Dach. In der weißen Schwedenhütte gibt es eine Käferausstellung (mit Fotografien und evtl. Präparaten). Weiße Schaukeln und Wippen für Erwachsene und Kinder. Weiße Kunststoffsessel am neu geschaffenen Teichufer und am Bach. Die weißen Gartenstühle und Tische aus dem Archiv. Eine Flaggenansammlung mit Vogel oder Insektenmotiven (als Schulprojekt). Ein weißer Pavillon hoch oben in einem Gartenareal. Weiße Bienenkästen auf der Uferseite am Wald“

Und auch schon ein paar Ideen zu verschiedenen kleinen Aktionen hat Bärbel Hische entwickelt, wie z.B.

 „Unterwegs mit -
- einem Schmetterlingsfänger
- einer Vogelkundlerin
- einem Korbflechter
- Vogel-Nistkasten bauen
- Schulprojekt Flaggen bemalen – und/oder - Pflanzen bestimmen

Erste Vorbereitungen

Da ab März die Ruhezeit für die Vögel beginnt, mußten alle Aufräumarbeiten, Wegearbeiten und Pflanzungen im Herbst geschehen.

Die vollkommen zugewucherten Uferbereiche wurden teilweise freigelegt, einige Hainbuchenhecken entfernt und an der Hauptachse wieder eingepflanzt. Dank der Großzügigkeit der FA Bruns (Bad Zwischenahn) und LUBERA wurden große Mengen Sträucher und Bäume gepflanzt, die Nahrungsquelle für Vögel, Bienen und andere Insekten darstellen. 

Die Pflanzen

Die Liste der Bruns-Pflanzen ist lang, soll aber hier Erwähnung finden, weil diese ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes sind. Folgende Bäume, Sträucher und Stauden wurden gepflanzt:

 

Bäumen und Sträucher:

10 Aronia Melanocarpa

30 Chaenomeles Japonica

30 Cornus Mas

20 Lonicera Heckrottii

4 Malus Sylvestris (250 cm)

20 Malus „Butterball“

20 Malus „Evereste“

50 Philadelphus Coronarius

20 Prunus Avium

30 Ribes Sanguineum „Atrorubens“

5 Robinia Pseudoacacia (200cm)

50 Rubus Idaeus

30 Rubus Phoenicolasius

20 Sambucus Nigra

6 Sorbus Aucuparia „Autumn Spire“ (250cm)

10 Sorbus Aucuparia „Autumn Spire“ (80 -100 cm) 

 

Stauden:

30 Filipendula Ulmaria

20 Aruncus Aethusifolius „Johannisfeuer“

20 Aruncus Dioicus

 

Dazu kommen noch große Mengen Rosen, Gojibeeren (Lycium Barbarum), Essbare Ölweide (Eleagnus multiflora) dazu Heidelbeeren, Vierbeeren, verschiedene Kirschen- und Apfelsorten von LUBERA!

 

Angesichts der in dem großen Areal bereits vorhandenen Vielfalt an Pflanzen, die als Nahrungsquelle und Unterschlupf für Vögel und Insekten dienen, haben wir nun ein wahres Vogelparadies geschaffen und erwarten das Avifaunische Gutachten, dass Frau ten Toren von der Firma BIO Consult aus Belm (http://www.bio-consult-os.de/) von März bis Mai 2018 erstellen wird, mit großer Spannung. Insbesondere nachdem ein spontanes, einmaliges Gutachten, das Frau ten Toren im Juni 2017 erstellte, schon ein sehr reiches Vorkommen nachgewiesen hatte – über 34 Vogelarten.

„Ein geheimer Garten – ein wilder Ort“ - Zum Sommerfestival 2018 hat er Premiere und wird im Anschluss daran an den Sonntagen im Juni und Juli, sowie zum Herbstfestival für Besucher geöffnet sein.

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